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3. September 2026

Wenn Devotion zur Kontrolle wird? Eifersucht, vulnerabler Narzissmus und BDSM richtig unterscheiden

Eine devote Person ist eifersüchtig, braucht viel Bestätigung oder reagiert verletzt, wenn sich der Partner anderen Menschen zuwendet. Ist das bereits ein Warnsignal für Narzissmus?

Nein. So einfach ist es nicht.

Gerade im BDSM-Bereich besteht die Gefahr, einzelne Eigenschaften zu schnell zu deuten. Devotion kann mit Hingabe, emotionaler Nähe, Vertrauen und dem Wunsch verbunden sein, sich einer anderen Person bewusst anzuvertrauen. Eifersucht wiederum ist zunächst ein menschliches Gefühl. Sie kommt in BDSM-Beziehungen ebenso vor wie in jeder anderen Beziehungsform.

Problematisch wird es deshalb nicht dadurch, dass jemand devot oder eifersüchtig ist.

Entscheidend ist, was aus diesen Gefühlen und Bedürfnissen entsteht.

Devotion ist kein Warnsignal

Eine BDSM-Rolle beschreibt zunächst einmal eine Form der einvernehmlichen Dynamik zwischen Menschen. Dominanz und Submission sagen für sich allein nichts darüber aus, ob jemand psychisch gesund, manipulativ, liebevoll oder narzisstisch ist.

Die Forschung zu BDSM sieht gerade im gegenseitigen, informierten Einverständnis das entscheidende Merkmal, das einvernehmliche Praktiken von Missbrauch unterscheidet (Dunkley & Brotto, 2020). Eine Untersuchung mit 202 BDSM-Praktizierenden fand dabei zwar durchgängig hohe Ansprüche an Konsens-Kommunikation, aber auch, dass die konkrete Praxis je nach Beziehungskontext variiert, etwa strenger bei neuen Kontakten als in langjährigen Beziehungen (Studie zu Konsens-Normen in der BDSM-Community, 2024). Der entscheidende Unterschied zwischen einer einvernehmlichen Machtübertragung und problematischem Verhalten liegt also nicht darin, wer welche Rolle übernimmt, sondern ob Grenzen, Selbstbestimmung und Zustimmung respektiert werden.

Eine devote Person kann selbstbewusst sein. Sie kann außerhalb einer Session sehr klare Grenzen haben. Sie kann sich bewusst dafür entscheiden, Kontrolle abzugeben, und diese Entscheidung jederzeit wieder infrage stellen.

Devotion bedeutet nicht automatisch Hilflosigkeit.

Und sie bedeutet auch nicht automatisch ein geringes Selbstwertgefühl.

Eifersucht ist zunächst einmal ein Gefühl

Eifersucht ist unangenehm. Sie kann Angst auslösen, Verlustgedanken verstärken und Menschen zu Reaktionen bringen, auf die sie später selbst nicht stolz sind.

Trotzdem ist Eifersucht zunächst keine Diagnose.

Ein Mensch kann eifersüchtig sein, weil er Angst hat, einen wichtigen Menschen zu verlieren. Weil frühere Beziehungen von Untreue geprägt waren. Weil gerade Unsicherheit in der Beziehung besteht. Oder einfach, weil eine konkrete Situation alte Verletzungen berührt.

Auch eine devote Person kann diese Gefühle erleben.

Der wichtige Unterschied liegt darin, wie sie damit umgeht.

Eine gesunde, wenn auch vielleicht schwierige Reaktion könnte sein:

„Ich merke, dass mich das gerade eifersüchtig macht. Ich weiß, dass du nichts falsch gemacht haben musst, aber ich bin im Moment unsicher und würde gerne darüber sprechen.“

Hier übernimmt der Mensch Verantwortung für sein eigenes Gefühl.

Etwas anderes ist es, wenn Eifersucht wiederholt dazu eingesetzt wird, den Partner zu steuern:

„Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du das nicht tun.“

Oder:

„Nach allem, was ich für dich mache, kannst du mir das doch nicht antun.“

Dann geht es nicht mehr nur um das Gefühl Eifersucht. Es kann sich ein Beziehungsmuster entwickeln, in dem Schuld, Angst oder emotionale Verletzlichkeit eingesetzt werden, um das Verhalten des anderen zu beeinflussen.

Wann Eifersucht in Kontrolle kippt

Der Übergang ist nicht immer spektakulär.

Kontrolle muss nicht laut sein. Sie muss nicht mit Befehlen beginnen.

Manchmal zeigt sie sich indirekt: Der andere soll bestimmte Kontakte vermeiden, weil man sonst „völlig zusammenbricht“. Er soll auf Aktivitäten verzichten, um keine Eifersucht auszulösen. Er soll ständig beweisen, dass er noch liebt. Mit der Zeit kann er beginnen, sein eigenes Verhalten stärker danach auszurichten, wie er eine emotionale Krise beim Partner verhindert.

Das Problem ist dann nicht, dass jemand verletzlich ist.

Das Problem entsteht, wenn diese Verletzlichkeit die Freiheit des anderen dauerhaft einschränkt.

Der Unterschied lässt sich an denselben Gefühlen ablesen, nur an der Reaktion darauf:

GefühlGesunde ReaktionKontrollierende Reaktion
Angst, verlassen zu werden„Ich merke, dass mich das unsicher macht. Lass uns reden.“„Wenn du mich wirklich liebst, lässt du das.“
Eifersucht bei einer Begegnung„Ich möchte verstehen, warum mich das gerade trifft.“„Du triffst dich nicht mehr mit ihr.“
Bedürfnis nach Nähe„Ich brauche heute etwas mehr Nähe von dir.“„Du musst mir ständig beweisen, dass du mich liebst.“
Verletzung nach einem Streit„Das hat mich verletzt, können wir darüber sprechen?“„Nach allem, was ich für dich tue, darfst du mir das nicht antun.“

Eine aktuelle Studie mit 135 Angehörigen und Partner:innen von Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen fand einen signifikanten Zusammenhang zwischen pathologischem Narzissmus und sogenannter Coercive Control, also einem Muster anhaltender Kontrolle in der Beziehung (Day et al., 2025). Bemerkenswert dabei: Mit Missbrauch im engeren Sinn war der Zusammenhang in derselben Untersuchung nicht signifikant, nur mit dem kontrollierenden Beziehungsmuster. Das zeigt zweierlei: Es gibt einen messbaren statistischen Zusammenhang, und dieser Zusammenhang ist genauer und enger, als eine pauschale Formel wie „Narzissten sind kontrollierend“ es vermuten ließe.

Kontrolle ist ein Verhalten. Narzissmus ist ein komplexes psychologisches Konstrukt. Ein statistischer Zusammenhang zwischen beidem ist kein Beweis dafür, dass das eine automatisch aus dem anderen folgt.

Was ist vulnerabler Narzissmus?

Wenn Menschen an Narzissmus denken, haben sie oft ein sehr eindeutiges Bild vor Augen: Selbstüberschätzung, Arroganz, Dominanz und das Bedürfnis nach Bewunderung. Das entspricht dem, was in der Forschung als grandioser Narzissmus bezeichnet wird.

Die psychologische Forschung unterscheidet davon eine zweite Ausprägung. Beim sogenannten vulnerablen Narzissmus stehen unter anderem Unsicherheit, besondere Empfindlichkeit gegenüber Kritik, Verletzlichkeit und eine starke Reaktion auf wahrgenommene Zurückweisung im Vordergrund.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder unsichere oder empfindsame Mensch vulnerabel narzisstisch ist.

Genau hier passieren viele Fehlschlüsse.

Ein geringes Selbstwertgefühl ist für sich genommen kein Beleg für Narzissmus. Introvertiertheit ist keiner. Verletzlichkeit ist keiner. Eifersucht ebenfalls nicht.

Erst das Zusammenspiel verschiedener, wiederkehrender Merkmale und insbesondere die Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen können überhaupt Anlass für eine fachliche Betrachtung geben.

Eine Diagnose gehört dabei in die Hände qualifizierter Fachleute, nicht in einen Blogartikel und auch nicht in die Konfliktanalyse zwischen zwei Partnern.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen vulnerablem Narzissmus und Eifersucht?

Hier wird es tatsächlich interessant.

Eine Studie mit 473 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren in festen Partnerschaften untersuchte genau diesen Zusammenhang (Ponti, Ghinassi & Tani, 2020). Das Ergebnis: Vulnerabler Narzissmus war mit psychischem Missbrauch in der Beziehung verbunden, allerdings nur indirekt, über den Umweg der romantischen Eifersucht. Grandioser Narzissmus dagegen zeigte in derselben Studie einen direkten Zusammenhang mit psychischem Missbrauch, ganz ohne den Umweg über Eifersucht.

Das bedeutet aber nicht: Eifersucht zeigt vulnerablen Narzissmus an.

Die Richtung ist wesentlich komplizierter, und es handelt sich um Zusammenhänge in einer bestimmten, relativ jungen Stichprobe, nicht um ein Naturgesetz, das für jede Person und jedes Alter gleichermaßen gilt.

Menschen mit ausgeprägten vulnerabel-narzisstischen Merkmalen können in manchen Fällen besonders empfindlich auf wahrgenommenen Statusverlust, Kritik oder Zurückweisung reagieren. Eifersucht kann in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Entscheidend bleibt jedoch, wie diese Gefühle verarbeitet werden und welches Verhalten daraus entsteht.

Neuere Forschung zu narzisstischer Pathologie und Partnerschaften warnt zudem vor zu einfachen Erklärungen: Problematische Beziehungsmuster hängen nicht nur von einzelnen narzisstischen Merkmalen ab. Auch die allgemeine Schwere von Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktion und konkrete Muster im Umgang mit anderen Menschen spielen eine Rolle.

Die einfache Gleichung funktioniert also nicht.

Nicht jede eifersüchtige Person zeigt vulnerabel-narzisstische Züge. Und nicht jede Person mit solchen Zügen reagiert auf dieselbe Weise.

Und welche Rolle spielt Devotion dabei?

Keine besondere Rolle als Ursache. Das ist der entscheidende Punkt.

Es gibt keinen Grund, eine BDSM-Rolle selbst als Hinweis auf vulnerablen Narzissmus zu betrachten.

Ein Mensch mit problematischen Persönlichkeitsmustern kann dominant auftreten. Er kann fürsorglich sein. Er kann zurückhaltend und bescheiden wirken. Er kann sich als Opfer erleben. Und er kann auch devot sein.

Die äußere Rolle erklärt das Muster nicht.

Devotion kann deshalb, wie andere Verhaltensweisen auch, Teil einer Persönlichkeit und einer Beziehungsgestaltung sein. Sie kann ehrlich, selbstbestimmt und vertrauensvoll gelebt werden.

Auch eine devote Rolle schützt nicht davor, dass Menschen in problematischen Beziehungsmustern mit Schuldgefühlen oder emotionalem Druck arbeiten.

Der Unterschied liegt nicht im Satz: „Ich unterwerfe mich dir.“

Sondern zum Beispiel darin, was später daraus gemacht wird: „Weil ich mich dir so hingegeben habe, bist du jetzt für meine Gefühle verantwortlich und darfst mich nicht enttäuschen.“

Hier verschiebt sich etwas. Die Hingabe selbst ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn aus der Hingabe ein Anspruch entsteht, mit dem der andere emotional gebunden oder kontrolliert werden soll.

Topping from the Bottom ist nicht automatisch Manipulation

Auch hier lohnt sich eine sorgfältige Unterscheidung.

Eine devote Person darf Wünsche haben. Sie darf Nein sagen. Sie darf Grenzen setzen. Sie darf eine Session abbrechen. Sie darf nach einer Session Kritik äußern.

Das ist kein „Topping from the Bottom“.

Eine BDSM-Dynamik ist keine Einbahnstraße, in der eine dominante Person alles bestimmt und die devote Person keine Stimme mehr hat. Einvernehmliche Machtübertragung funktioniert gerade deshalb, weil beide Beteiligten kommunizieren und ihre Grenzen kennen.

Problematisch wird es erst, wenn jemand wiederholt versucht, über indirekten Druck die Entscheidungen des anderen zu bestimmen. Das kann durch Schuldgefühle geschehen, durch emotionale Drohungen, durch ständige Krisen, die immer dann auftreten, wenn der andere eigene Grenzen setzt, oder durch ein Muster, in dem jede abweichende Entscheidung als Beweis für mangelnde Liebe dargestellt wird.

Aber auch dann sollte man vorsichtig sein: Manipulatives Verhalten ist ein Problem, das benannt werden darf. Es ist jedoch nicht automatisch der Beweis für eine bestimmte psychologische Diagnose.

Die wichtigere Frage: Was passiert zwischen den beiden Menschen?

Statt zu fragen: „Ist meine devote Partnerin oder mein devoter Partner narzisstisch?“, können andere Fragen hilfreicher sein:

Kann die Person Verantwortung für ihre eigenen Gefühle übernehmen? Darf ich Grenzen setzen, ohne anschließend mit Schuldgefühlen konfrontiert zu werden? Kann über Eifersucht gesprochen werden, ohne dass daraus Kontrolle entsteht? Bleibt meine eigene Freiheit erhalten? Muss ich mein Verhalten zunehmend danach ausrichten, emotionale Krisen beim anderen zu verhindern? Wiederholt sich ein Muster aus Verletzlichkeit, Schuld und Kontrolle?

Diese Fragen richten den Blick auf das, was tatsächlich erlebt wird: das Beziehungsmuster. Und dieses Muster ist letztlich aussagekräftiger als das Etikett, das man einer Person geben möchte.

Ruhiger Vertrauensmoment zwischen zwei Partnern im BDSM Apartment

Devotion, Verletzlichkeit und Vertrauen

Gerade im BDSM kann emotionale Offenheit eine besondere Bedeutung haben.

Sich einer anderen Person anzuvertrauen, kann Verletzlichkeit sichtbar machen. Eine devote Person kann Angst vor Zurückweisung haben. Sie kann nach einer intensiven Session besonders emotional sein. Sie kann Nähe und Bestätigung brauchen.

All das ist für sich genommen kein Warnsignal.

Eine gesunde Beziehung erkennt man nicht daran, dass niemand unsicher ist, niemals eifersüchtig wird oder immer perfekt mit Gefühlen umgehen kann.

Entscheidend ist, ob beide Menschen miteinander umgehen können, ohne ihre jeweiligen Rollen als Waffe einzusetzen.

Ein Dominanter darf seine Macht nicht dazu benutzen, Grenzen zu übergehen. Eine devote Person darf ihre Verletzlichkeit nicht dazu benutzen, dem anderen dauerhaft Verantwortung für die eigenen Gefühle aufzuzwingen.

Und natürlich gilt auch umgekehrt: Keine dieser Gefahren ist an eine bestimmte BDSM-Rolle gebunden.

Nicht die Rolle bewerten, sondern das Muster

Devotion ist kein Warnsignal für vulnerablen Narzissmus.

Eifersucht ebenfalls nicht.

Unsicherheit, Verletzlichkeit, ein Bedürfnis nach Bestätigung oder Angst vor Verlust können viele Ursachen haben. Aus einzelnen Eigenschaften lässt sich keine seriöse Diagnose ableiten.

Die Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen vulnerabel-narzisstischen Merkmalen, romantischer Eifersucht und problematischen Beziehungsmustern, in konkreten, klar umrissenen Studien mit konkreten Stichproben. Sie zeigt aber keine einfache Formel, mit der sich Menschen anhand ihrer BDSM-Rolle einordnen lassen.

Der entscheidende Blick sollte deshalb nicht lauten: „Ist diese Person devot und deshalb vielleicht narzisstisch?“

Sondern: „Wie geht diese Person mit ihren Gefühlen um, wie geht sie mit meinen Grenzen um, und welches Muster entsteht zwischen uns?“

Wo Gefühle offen kommuniziert werden, Verantwortung übernommen wird und Grenzen auf beiden Seiten gelten, ist Eifersucht zunächst ein Thema, über das gesprochen werden kann.

Wo dagegen wiederholt Schuld, Angst und emotionale Abhängigkeit entstehen, um die Freiheit des anderen einzuschränken, lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Nicht wegen der Rolle.

Sondern wegen des Musters.

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