SMallVacation
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30. September 2026

Nur so überlegt: Eine BDSM-Geschichte über Vertrauen und Rollenwechsel

Die Nachricht kam um 19:26 Uhr, und Markus las sie im Stehen, eine Hand noch am Kühlschrank.

TELEGRAM

Meine Freundin hatte mich eingeladen, zusammen mit ihrem Sklaven zu spielen. Der hat aber absagen müssen. Jetzt habe ich eigentlich keinen Sklaven, aber wir haben uns nur so überlegt, wie es mit dir sein könnte. Sie ist auch Switch.

🤔 😂 😂

Er stellte die Flasche ab. Nur so überlegt. Zwei Frauen hatten an einem Abend, an dem ein Platz frei geworden war, seinen Namen in den Raum gestellt und geschaut, wie er dort aussah.

Sein Kopf lief los, schneller, als er ihn bremsen konnte. Über zehn Jahre war es her, dass er zuletzt unten gespielt hatte. Er war immer der gewesen, der band und bestimmte. Wann hatte er zuletzt Hände an seinen Handgelenken gespürt, die seine Regeln nicht kannten? Dass er es nicht mehr wusste, sagte genug.

Zwei Frauen, beide oben. Und öffentlich, nicht im Wohnzimmer, sondern in einem Club, in dem jeder zusehen durfte. Von der Bekannten aus den Niederlanden wusste er, dass sie fast akzentfrei Deutsch sprach. Ihre Freundin hatte er nie gehört. Konnte man sich jemandem ausliefern, dessen Befehle man vielleicht nur halb verstand? Vielleicht war genau das der Reiz.

Er tippte Ich bin neugierig und löschte es. Er tippte Wer führt? und löschte auch das, denn die Antwort stand schon da: nicht er. Am Ende schrieb er: Erzähl mir mehr. Dann legte er das Handy weg und lächelte wie jemand, der etwas Unvernünftiges vorhat.

Mann steht abends allein in der Küche, eine Hand am Kühlschrank, liest eine Nachricht auf dem Handy

Drei Wochen später stand er in einem Club bei Groningen. Rotes Licht, dunkle Balken, ein Andreaskreuz an der Wand. An den Rändern saßen ein paar Paare, ein Mann in Leder lehnte an der Bar. Es roch nach Holz, Leder und Kerzenwachs.

Vorher hatten sie zu dritt bei Kaffee gesessen und alles besprochen. Annelies hatte die Fragen gestellt, Femke hatte zugehört, genickt und mit den Händen erklärt, wo ihr Deutsch aufhörte. Sie hatten Grenzen aufgeschrieben. Ja: Seile, Augenbinde, Schläge mit Maß, Wachs, Worte, Vorführung im Rahmen. Nein: alles Bleibende, alles im Gesicht, Atemkontrolle. Als Safeword hatten sie Rood gewählt, ein Wort, das jeder von ihnen verstand.

„Dein einziger Job heute Abend“, sagte Annelies, „ist, nicht zu denken.“

„Das ist der schwerste.“

„Ich weiß.“ Sie lächelte. „Deshalb machen wir es dir leicht.“

Sie zog ihm das Hemd aus, dann den Rest, ohne Eile, mit der Ruhe von jemandem, der weiß, dass Zeit selbst ein Werkzeug ist. Die Blicke der Zuschauer legten sich wie Wärme auf seine Haut. Dann kam das Halsband, schlichtes schwarzes Leder. Das Klicken der Schnalle ging ihm durch den ganzen Körper wie ein Schalter, den jemand nach Jahren wiedergefunden hatte. Seine Knie gaben nach, bevor jemand es verlangte.

„Goed zo“, sagte Femke leise. Das verstand er.

Annelies band ihm die Handgelenke hinter dem Rücken, mit rotem Seil, Wickel für Wickel. Jeder Knoten war eine Entscheidung, die ihm abgenommen wurde. Sie sprach ruhig und knapp, immer auf Deutsch: „Kopf runter. Schultern locker. Gut.“ Femke sagte fast nichts. Sie umkreiste ihn, ließ die Fingernägel über seine Schultern wandern, lachte, wenn er zusammenzuckte, und murmelte gelegentlich etwas auf Niederländisch, das Annelies mit einem Nicken beantwortete.

„Was hat sie gesagt?“, fragte er.

„Dass du schön bist, wenn du nervös bist.“

„Das ist kein Kompliment.“

„Für uns schon.“

Dann kam der Samt vor seine Augen, kühl und schwer, und die Welt schrumpfte auf Geräusche: knarrendes Holz, Musik im Hintergrund, Schritte, zwei Stimmen, die über ihn sprachen wie über ein Möbelstück. Annelies‘ klar und deutlich, Femkes leise und fremd. Zijn schouders. Nog niet. Er verstand nur Fetzen und musste den Rest aus Tonfall und Berührung lesen. Ausgeliefert zu sein war genau das, was er vermisst hatte.

Der erste Schlag kam flach, mit der Hand, auf den Oberschenkel. Femke. Nicht hart, aber überraschend genug, dass er keuchte. Dann eine Pause, in der nur sein Puls zu hören war. Sie spielte mit dem Warten, mit dem Nichtwissen, wohin als Nächstes. Als der Flogger zum ersten Mal über seinen Rücken strich, war es fast zärtlich, dann fester, dann wieder weich, ein Rhythmus, der ihm den Atem stahl und zurückgab.

„Du hältst die Luft an“, sagte Annelies dicht an seinem Ohr. „Atme.“

„Ja, Herrin.“

Es rutschte ihm heraus, ungeplant. Sie hatte es nicht verlangt. Für einen Moment schwiegen beide, dann hörte er Femkes leises, zufriedenes Lachen. „Hij is er weer“, sagte sie, und diesmal sagte Annelies nichts dazu. Er verstand es trotzdem.

Das Wachs kam als Nächstes, ein einzelner Tropfen zwischen den Schulterblättern, heiß, scharf, dann sofort warm. Er stöhnte, bevor er es verhindern konnte. Annelies ließ mehr folgen, langsam, eine Spur die Wirbelsäule hinunter, während Femke ihm mit einer Hand die Haare aus dem Nacken hielt und mit der anderen kaum spürbar an seiner Innenseite entlangfuhr, Zentimeter um Zentimeter näher, um kurz vor dem Ziel wieder abzubiegen. Er zitterte. Er hörte sich selbst, schämte sich und wollte doch, dass sie es hörten.

Rot verknotetes Seil neben einer tropfenden Kerze auf Holz

„Er ist sehr leicht zu lesen“, sagte Annelies, laut genug, dass es bis in die Ränder des Raumes trug. „Über zehn Jahre hat er sich das nicht erlaubt. Heute holt er es nach.“

Es war keine Bosheit, eher eine Feststellung, fast eine Taufe, und trotzdem brannte sein Gesicht. Er spürte die Blicke und die Stille, das Gewicht dessen, dass er hier kniete, nackt, gefesselt und benannt. Darunter lag etwas Schwereloses, das er fast vergessen hatte.

Femke beugte sich dicht zu ihm. „What do you want?“, flüsterte sie, in ihrem holprigen Englisch.

Er suchte nach Worten. „Mehr“, brachte er heraus. „Bitte.“

„Please what?“

„Bitte, Herrin. Bitte, mehr.“

Sie lachte, und er hörte, dass es ein zufriedenes Lachen war. Er bekam mehr: die Hand, den Flogger, die Fingernägel, Wachs auf den Oberschenkeln, wieder und wieder dieses Spiel aus Nähe und Entzug, bis er nicht mehr wusste, wo der Schmerz endete und die Lust begann. Als Annelies ihm schließlich ins Ohr sagte, er dürfe kommen, aber erst, wenn sie es erlaube, hielt er noch eine ganze Minute aus, zitternd, mit gepresstem Atem, bis ihr leises „Jetzt“ ihn losließ und die Welt für einen Augenblick weiß wurde.

Danach löste Annelies ihn aus dem Seil, langsam, rückwärts, Wickel für Wickel. Sie nahm ihm die Augenbinde ab und legte ihm eine Decke um die Schultern. Femke reichte ihm ein Glas Wasser und hielt es, bis seine Hände es wieder selbst tragen konnten. Dann setzten sie sich zu ihm auf den Boden, eine links, eine rechts, und schwiegen.

„Und?“, fragte Annelies irgendwann.

Er brauchte lange für die Antwort. „Ich hatte vergessen, wie leicht es ist, wenn man nichts mehr tragen muss.“

„Deshalb gibt es Switches“, sagte sie. „Wir kennen beide Seiten.“

Femke sagte etwas auf Niederländisch, grinsend, und sah dabei Annelies an. Diesmal übersetzte Annelies nicht sofort. Sie ließ ihn eine Weile raten und sagte dann: „Sie meint, nächstes Mal zeigst du uns, wie gut du oben bist.“

Markus lachte, zum ersten Mal an diesem Abend ohne einen Rest Anspannung, und merkte, dass er längst zugesagt hatte.

Zur Einordnung

Diese Geschichte ist fiktiv. Sie enthält Darstellungen von Fesselung, Impact Play, Wachsspiel und einer einvernehmlichen öffentlichen Vorführung. Die Figuren besprechen ihre Grenzen vorher und einigen sich auf ein Safeword, das in der Geschichte funktioniert. Unabhängig davon gilt, wie überall: Ein Safeword ist eine Vereinbarung für den Ablauf, kein Ersatz dafür, dass ein ernst gemeintes Nein oder der Wunsch nach einer Pause jederzeit zählt, mit oder ohne Codewort.

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