SMallVacation
← Zurück zum Magazin
23. September 2026

Wenn Führung zur Verfügung wird: Grandioser Narzissmus und BDSM richtig unterscheiden

Eine dominante Person tritt sicher auf, erwartet Gehorsam und reagiert gereizt, wenn ihre Anweisungen infrage gestellt werden. Ist das Führung, wie sie in einer D/s-Beziehung dazugehört, oder steckt mehr dahinter?

Diese Frage ist das Gegenstück zu einem Artikel, den wir bereits geschrieben haben. Wenn Devotion zur Kontrolle wird geht der Frage nach, ob Eifersucht und Verletzlichkeit bei einer devoten Person ein Warnsignal sind. Hier geht es um die andere Seite: um grandiosen Narzissmus, die Ausprägung mit einem Hang zu Überlegenheit, Anspruchsdenken und wenig Empathie. Und darum, wie sich das hinter einer führenden Rolle verstecken kann.

Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Trotz sorgfältiger Recherche kann er unvollständig sein oder Fehler enthalten. Wenn du dir Sorgen um dich oder um jemand anderen machst, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Psychotherapeutin. Hilfe findest du unter Wichtige Anlaufstellen.

Was grandiosen Narzissmus ausmacht

Wenn Menschen an Narzissmus denken, haben sie meistens dieses Bild vor Augen: Selbstüberhöhung, Arroganz, das ständige Bedürfnis nach Bewunderung. Diese Merkmale finden sich beim sogenannten grandiosen Narzissmus wieder, einer Ausprägung narzisstischer Persönlichkeitszüge, die nicht mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gleichzusetzen ist. Beim vulnerablen Narzissmus stehen dagegen eher Unsicherheit und Verletzlichkeit im Vordergrund.

Zentrale Merkmale sind ein überhöhtes Selbstbild, wenig Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse anderer und eine Bereitschaft, andere Menschen für eigene Ziele einzusetzen. Auch das ist für sich genommen noch keine Diagnose. Wie sich eine klinisch diagnostizierte narzisstische Persönlichkeitsstörung von solchen einzelnen Zügen unterscheidet, erklärt die AOK verständlich. Selbstbewusstsein ist kein Warnsignal, Führungsstärke ist keins, und auch eine hohe Reizschwelle bei Kritik macht noch niemanden narzisstisch.

Wenn Führung zu Anspruch wird

Eine BDSM-Rolle allein sagt nichts über den Charakter einer Person aus. Dominanz kann verantwortungsvoll gelebt werden, mit Aufmerksamkeit für das Gegenüber und dem Wissen, dass übertragene Macht geliehen ist, nicht besessen. Was diese Haltung von grandiosem Narzissmus unterscheidet, beschreiben wir ausführlicher im Artikel Führen statt verfügen. Auch innerhalb einer klar vereinbarten D/s-Beziehung kann Führung weitreichende Entscheidungen einschließen. Entscheidend ist nicht, ob eine Person entscheidet, sondern auf welcher Grundlage und ob der vereinbarte Rahmen weiterhin gilt.

Problematisch wird es, wenn die Rolle als Begründung für Anspruch benutzt wird, nicht als Rahmen für Verantwortung. „Ich führe, also entscheide ich das“ ist etwas anderes als „Ich führe, also bin ich für das, was wir gemeinsam vereinbart haben, verantwortlich“. Der Unterschied liegt nicht in der Lautstärke. Er liegt darin, ob Grenzen des anderen als Einschränkung der eigenen Autorität empfunden werden oder als selbstverständlicher Teil der Abmachung.

Konsens als Waffe statt als laufender Prozess

Ein besonders klares Warnsignal: Zustimmung von früher wird gegen spätere Bedenken verwendet. „Du hast doch vor drei Wochen Ja gesagt“ behandelt Konsens wie eine einmal unterschriebene Erlaubnis, nicht wie eine Zustimmung, die für die jeweilige Situation gilt und widerrufen werden kann.

Ähnlich läuft es bei Kontrolle, die mit der Rolle gerechtfertigt wird. Ständiger Zugriff auf das Handy, Entscheidungen über Kontakte oder Freizeit außerhalb jeder Session, verpackt als „das gehört halt dazu“. Eine solche Regel kann durchaus Teil einer ausdrücklich vereinbarten BDSM-Beziehung sein. Problematisch wird sie dort, wo sie nicht mehr frei verändert oder beendet werden darf. Eine einvernehmlich übertragene Rolle rechtfertigt aber nicht automatisch jede Ausweitung. Wo genau diese Grenze verläuft, muss ausgesprochen und immer wieder neu bestätigt werden, nicht stillschweigend vorausgesetzt.

Was die Forschung zeigt

Eine Untersuchung 2025 mit 135 Angehörigen und Partner:innen von Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen warf einen genaueren Blick auf einzelne Facetten (Day et al., 2025). Die meisten Befragten waren romantische Partner:innen, bei einer durchschnittlichen Beziehungsdauer von rund 20 Jahren. Am stärksten mit anhaltender Kontrolle in der Beziehung verbunden war „Entitlement Rage“, also Wutausbrüche, wenn ein gefühltes Anrecht auf Bewunderung oder Gehorsam nicht erfüllt wird, wobei die einzelnen Zusammenhänge insgesamt als schwach gelten. Im BDSM-Kontext kann das so aussehen: Die devote Person äußert einmal einen Zweifel an einer Anweisung, und die Antwort darauf ist kein Gespräch, sondern Wut oder demonstrativer Rückzug, als sei allein die Nachfrage schon ein Regelverstoß. „Grandiose Fantasy“, also Fantasien von uneingeschränkter Überlegenheit, war in derselben Studie eigenständig mit selbstberichtetem sexuellem Missbrauch assoziiert.

Eine frühere Untersuchung mit 473 jungen Erwachsenen (18 bis 30 Jahre) in festen Partnerschaften fand zudem: Grandioser Narzissmus hängt direkt mit psychischem Missbrauch zusammen. Die vulnerable Ausprägung nimmt dagegen den Umweg über Eifersucht (mehr dazu im Artikel zu vulnerablem Narzissmus). Keine dieser Studien untersucht BDSM-Beziehungen gezielt, die Übertragung auf D/s-Kontexte ist unsere eigene Einordnung.

Die wichtigste Korrektur zuerst

Es wäre naheliegend, jetzt zu schreiben: Der grandiose Typ ist der eigentlich gefährliche, der vulnerable eher harmlos. Genau das bestätigt die Forschung so nicht.

Die bislang größte Zusammenfassung der Forschung ist eine Meta-Analyse über 22 Studien mit insgesamt über 11.000 Teilnehmenden (Oliver, Coates, Bennett & Willis, 2024). Sie fand beim Zusammenhang mit Partnergewalt einen stärkeren statistischen Zusammenhang für vulnerablen Narzissmus als für grandiosen. Der Zusammenhang war bei beiden Ausprägungen schwach, aber eben nicht so, dass die auffälligere, selbstsicher auftretende Form automatisch die risikoreichere wäre. Die Ergebnisse streuten zudem stark zwischen den einzelnen Studien, und alle Messungen beruhten auf Selbstauskünften, was die Aussagekraft einschränkt.

Was das für die Praxis bedeutet: Wer glaubt, nur nach äußerer Dominanz und Selbstüberhöhung Ausschau halten zu müssen, übersieht leicht andere Muster. Beide Ausprägungen können problematisch werden, nur auf unterschiedliche Art, und keine äußere Erscheinung schafft dabei Sicherheit vor einer falschen Einschätzung. Grandios und vulnerabel sind außerdem keine zwei vollkommen getrennten Typen. Eine Meta-Analyse mit Daten von über 18.000 Menschen fand: Je ausgeprägter der grandiose Narzissmus, desto stärker hängen beide Ausprägungen zusammen (Jauk et al., 2022). Wer nach außen selbstsicher und überlegen auftritt, kann darunter also durchaus auch verletzliche Anteile haben.

Gesunde Führung und Anspruch im Vergleich

Auch hier lässt sich der Unterschied an denselben Situationen ablesen, nur an der Reaktion darauf:

Situation Verantwortungsvolle Führung Problematisches Anspruchsdenken
Der andere setzt eine Grenze Wird akzeptiert, auch wenn es im Moment schwerfällt Wird als persönlicher Angriff auf die eigene Autorität gewertet
Frühere Zustimmung Muss immer wieder neu gelten Wird als dauerhafte Erlaubnis behandelt
Kritik an der eigenen Führung Wird angehört, auch wenn sie unbequem ist Wird mit Wut, Abwertung oder gezieltem Entzug von Zuneigung beantwortet
Ein Fehler passiert Wird eingestanden Wird dem anderen zugeschoben

Die wichtigere Frage

Statt zu fragen „Ist mein dominanter Partner narzisstisch?“, hilft es, genauer hinzusehen: Kann er oder sie Kritik an der eigenen Führung aushalten, ohne wütend zu werden? Bleibt Konsens ein laufendes Gespräch, oder wird er wie eine einmal erteilte Erlaubnis behandelt? Wird ein Fehler eingestanden, oder findet sich immer ein Grund, warum eigentlich der andere schuld war?

Eine Diagnose gehört, wie beim vulnerablen Narzissmus auch, in die Hand qualifizierter Fachleute, nicht in einen Blogartikel. Was sich dagegen gut beobachten lässt, ist das Muster zwischen zwei Menschen: ob Macht als geliehen behandelt wird oder als Besitz. Und ob auf Kritik mit Verantwortung reagiert wird oder mit Vorwurf.

Nicht die Rolle verrät etwas über den Menschen dahinter. Sondern der Umgang mit Macht, Grenzen und Verantwortung, besonders dann, wenn die eigene Autorität infrage gestellt wird.

Neugierig geworden? Prüft jetzt eure Wunschtermine.

Verfügbarkeit prüfen
Nach oben scrollen